Von Menning nach Peking auf dem Landweg 

1.Nov. 2015

Ingolstadt. Nieselwetter. Die Frisur haelt – der Zug nicht. Er gleicht einem Geisterzug. Der von Muenchen kommende ICE, der um 23.45 Uhr in Ingolstadt Hbf Halt machen sollte, laesst seine Tueren verschlossen. Er steht fuer etwa drei Minuten am Gleis, doch weder Bahnmitarbeiter noch Passagiere sind zu sehen. Zusammen mit fuenf weiteren Fahrgaesten aus Ingolstadt hetze ich von einer verschlossenen Tuer zur naechsten, vergebens! Der Geisterzug setzt seine Reise ohne uns fort. Ist das ein schlechtes Omen fuer meine Reise? Nein, sicherlich nurder Auftakt zu einem kleinen Abenteuer. Mein Papa steht noch mit mir am Bahnsteig und ich sage zu ihm: „Wir muessen nach Nuernberg!“ Wir haben aber nur knapp 50 Minuten um den Anschlusszug in Nuernberg zu erwischen. Einpaar der anderen Fahrgaeste folgenuns auf dem Weg zum Parkplatz. Die schnellsten drei nehmen wir mit. „Ich habe gleich gemerkt, ihr zwei habt einen Plan,deswegen sind wir euch nach,“ erzaehlt Marcel (36) aus Erfurt im Auto. Ich muss lachen. Er ist unterwegs mit seiner kleinen Tochter Estefania (5) und seinem Cousin Niko (13). Wir stellen fest, dass wir den gleichen Anschlusszug nach Berlin erwischen muessen und gluecklicherweise schaffen wir es puenktlich. 

Der Zug ist voll mit Fluechtlingen. Die Kleinkinder schlafen zum Teil auf den Tischen. Ein kleiner Junge hustet wie ein alter Mann. Ich verzichte auf meinen reservierten Platz und setze mich zusammen mit Marcel, Nico und Estefania an einen 4er-Tisch. Marcel fragt nach Essen. Ich hole eine Packung Cookies heraus und erzaehle ihnen, dass ich mit der Transmongolischen Eisenbahn ueber Moskau nach Peking fahren werde. „Moskau, das ist doch da bei Amerika!“ meint Niko. Sein Traumziel ist Ibiza, erklaert er und er will einmal in seinem Leben so richtig feiern. Marcel und ich lachen. Mit 13 hat man eben noch andere Traeume. In Erfurt endet unsere gemeinsame Fahrt. Ich habe noch etwa drei Stunden nach Berlin.

2. Nov.

Mein Weg fuehrt mich weiter von Berlin nach Warschau. Diese Strecke lege ich in 6 Stunden zurueck. Einen Schlafwagen gibt es leider erst ab Warschau,dafuer serviert ein polnischer Bahnmitarbeiter kostenlosen Tee und Wasser fuer jeden Fahrgast in unserem 6er-Abteil. Englisch und Deutsch spricht hier im Zug keiner der Bahnmitarbeiter. Ich mache mich wieder beliebt mit meinen Cookies. Mein schwerer Rucksack soll leichter werden. Ich fahre bis Warschau Hbf. Dort stelle ich auf der Suche nach meinem Gleis erschreckend fest, dass ich am falschen Bahnhof ausgestiegen bin. Nach einem kurzen Atemstop erfahre ich von einer Bahnmitarbeiterin, dass mein Zug nach Moskau auch ueber den Hauptbahnhof faehrt. Am Bahnsteig stehen bereits russische Beamte und kontrollieren die Tickets genau. Waere ich noch ein Kind, haette ich mich vor ihnen geforchten - wegen ihren langen Baerten, dunklen Uniformen und dicken Augenbrauen. Von Warschau nach Moskau reise ich 2.Klasse im 4er Frauen-Schlafabteil. Die Fahrten bis Moskau habe ich vor Ort in Ingolstadt ueber die Deutsche Bahn gebucht. Mit meiner Bahncard25 habe ich mit Reservierungen insgesamt 210.- Euro bezahlt. Ein Flug waere guenstiger gewesen. In meinem Abteil teffe ich auf Marina aus Estonia, Paulchen aus Bayern und seine Mama, eine Halbrussin. Marina spricht Englisch und Russisch, Paulchen spricht etwas Russisch und hat einen suessen fraenkischen Akzent, wenn er Deutsch spricht, seine Mama spricht Russisch und Deutsch und ich spreche Deutsch und Englisch. Paulchen ist fuenf. Ich dachte zuerst er waere ein Maedchen, obwohl er kurze Haare hat. Ich merke schnell, dass ich mich gluecklich schaetzen kann Paulchens Mama mit im Abteil zu haben. Sie hilft mir mit der Uebersetzung, da die Beamten kein Englisch sprechen. Paulchens Mama ist 45, hat braune mittellange Haare, sie ist klein und zierlich und spricht mit einer zarten Stimme. „Ich war einmal Lehrerin in Bayern,“ erzaehlt sie. „Mein Deutsch war nicht gut genug, die Kinder haben mich ausgelacht.“ Deshalb verdient sie ihr Geld jetzt mit Orgelspielen. Es erleichtert sie zu hoeren, dass ich nach meinem Studium auch einen anderen Weg eingeschlagen habe.

Es wird langsam finster. Zeit fuer ein kleines Abendessen. Ich esse einpaar geraeucherte Wuerstl. Paulchen hingegen bekommt nur Bio. Er wird von seiner Mama mit dem Loeffel gefuettert. Wenn Paulchens Haende zu nah an seinen Mund kommen, wird sofort das Desinfektionstuch gezuckt. Ich frage nach einem gemeinsamen Foto fuer meinen Reiseblog. Paulchens Mama schaut mich verdutzt an. Sie hat das Wort „Reiseblog“ nicht verstanden. Sie sagt, sie haette weder TV noch Internet und auch meine Handykamera macht ihr zu Schaffen. Sie macht zwei Fotos von mir und Paulchen. Der moechte auch eins machen, am liebsten mit meinem Selfiestick. Die „gefaehrlichen Strahlen“ sollen den Kleinen aber nicht weiter belasten, deshalb ist damit jetzt Schluss. Paulchen war ein Zwilling. Sein Bruder starb bei der Geburt. Die etwas uebertriebene Fuersorge laesst sich also halbwegs erklaeren. Vor dem Bettgehen bekommt Paulchen noch seinen „Trunk“ aus Ziegenmilch und etwas Kakao. Fuer mich gibt es Tee. Heisses Wasser gibt es hier im Zug kostenlos. 

 

 

 

3.Nov.

 11:40 Uhr Ankunft am Hbf Moskau. Paulchen moechte, dass ich mit zu seiner Oma nach Vladimir komme und bei ihnen uebernachte. Wir gehen noch gemeinsam zur Metro und seine Mama erklaert mir den Weg zum Roten Platz, den ich mir heute ansehen werde. Bevor sich unsere Wege trennen; nehmen mich die beiden nochmal bei der Hand. Sie beten fuer mich, dass mir auf meiner Reise nichts passiert – wie schoen! Jetzt stehe ich also am Bahnhof und verstehe nur Bahnhof. Ich gehe von einem Bahnhofsschild zum naechsten und vergleiche die krylischen Zeichen mit denen, auf meinem Stueck Papier. Etwa dreimal muss ich nach dem Weg fragen und lande schliesslich am Roten Platz. Fuer 1000 Rubel haette ich auch mit dem Taxi fahren koennen, aber die Metro kostet gerade mal 50 Rubel.

 

Schon von weitem sehe ich das kunterbunte Maerchenschloss mit Zwiebeltuermen wie aus Marzipan und Zuckerguss – die St. Bazils Kathedrale. Nach einem Erinnerungsfoto suche ich mir ein lauschiges Plaetzchen auf einer Parkbank. Die Leute kommen und gehen neben mir. Ich fuehle mich wie im Film Forest Gump. Nur dass ich anstatt einer Pralinenschachtel einen E-Reader in der Hand halte. Bevor ich mich auf den Weg zum Fernbahnhof mache, besorge ich noch einpaar Vorraete fuer den Zug: Obst, Oliven, Brot, Wasser und sogar ein letztes Glas Nutella ergattere ich im Regal.

 

 

Meine Eisenbahn Richtung Peking startet heute Nacht um 23:45 Uhr am Fernbahnhof Yaroslowska. Ich mache mich fruehzeitig auf den Weg dorthin. Der Bahnhof ist riesig. Menschenmassen stroemen aus und in den Bahnhofsplatz. Ich erkundige mich an einem der ueber 20 Schalter nach dem Gleis der Transmongolischen. Weil ich nicht Russisch spreche, werde ich wieder einmal ignoriert. Ich erinnere mich in einem Reiseblog gelesen zu haben, dass die Fernzuege zwischen Gleis 1 und 4 abfahren. So war es auch. Ich kann zudem die Aussage im Blog bestaetigen, dass es ohne Russischkenntnisse wohl fast unmoeglich ist, kurzfristig vor Ort ein Ticket fuer die Transib zu bekommen. Ich habe mein Ticket ueber Real Russia gebucht. Fuer die 1.Klasse habe ich 1.000 Euro bezahlt. Hinzu kommen jedoch noch Kosten fuer die Visa fuer Weissrussland, Russland und China. Diese habe ich ueber www.visumcenter.de beantragt. Die Visa sollten spaetestens 3 Wochen vor der Abreise beantragt werden, sonst wird es knapp und teuer.

Da ich noch Zeit habe, setze ich mich nun, nachdem alles geklaert ist, in ein Restaurant. Da ich die krylischen Zeichen wieder einmal nicht verstehe, bestelle ich mir eine Ueberraschung. Die Ueberraschung sind: Teigtaschen mit Fleischfuellung. Jetzt freue ich mich endlich in die Eisenbahn zu steigen, die Restaurants hier am Bahnhof sind nicht sonderlich gemuetlich. Schon von weitem erkenne ich auf der Anzeigentafel in Russisch das Wort „Peking“, das ich zuvor in meinem Kindle Woerterbuch nachgelesen habe. Ein E-Reader ist mit der praktischen Woerterbuchfunktion sehr fuer Reisen in unbekannte Laender zu empfehlen.

Ich gehe die Waggons entlang bis Wagen Nummer 9. Es ist eiskalt. Zwischen den Waegen steigt Rauch auf und es riecht angenehm nach Kohle, die mich an wohlige Waerme erinnert. Ein chinesischer Bahnmitarbeiter empfaengt mich an der Tuer und zeigt mir mein Abteil. Ich habe 1.Klasse gebucht, d.h. ich teile mein Abteil mit einer weiteren Person. Es gibt eine Toilette fuer jeden Waggon, eine Dusche und Waschbecken befindet sich in meinem Abteil. Der Zug sieht nicht mehr neu aus, der Teppichboden wurde schon laenger nicht mehr gereinigt, aber das Abteil ist gemuetlich. Bis jetzt bin ich alleine in meiner Bleibe fuer die naechsten 6 Tage. Ich kann mich nicht entscheiden welches Bett ich beziehen soll,das obere Stockbett ist wohl etwas weicher, aber ich beziehe beide. 

Ich bedecke die rot-beigen Samtbezuege, die mich an einen Westernfilm erinnern, mit frischem weissen Laken, stelle meine Essensvorraete auf das kleine Tischlein direkt am Fenster und verstaue meinen Rucksack, der heute saemtliche Nackenverspannungen bei mir geloest hat. Als ich die Badezimmertuere oeffne, erschrecke ich mich, nostalgisch waere dafuer der falsche Ausdruck. Das 1.Klasse-Bad ist etwas groesser wie ein Dixie-Klo. Das Wasser ist eiskalt und troepfelt nur einwenig heraus. Das stoert mich allerdings nicht, es beruhigt mich, das es klar ist und ich mich wenigstens waschen kann. Ein Highlight aus vergangener Zeit findet man am Ende des Flurs. Ein Zahnarztstuhl aus dem 18. Jahrhundert wurde hier zur Toilette umfunktioniert, so scheint es jedenfalls. Bei Betaetigung des Fusshebels spuelt man und verewigt sich gleichzeitig auf den Gleisen der Landschaften. 

4.Nov.

Nach einem langen ereignisreichen Tag schlafe ich im Zug wie ein Baby. Dass der Zug scheppert und rattert – wie eine alte Eisenbahn eben – stoert mich diese Nacht nicht. Am Morgen des 4.Nov. wache ich gut erholt und mit Schnee vor dem Fenster auf. Birken soweit das Auge reicht. Ich schmiere mir ein Nutellabrot und schaue mir die Landschaft an. Wir halten pro Tag mehrmals bis zu zwei Stunden. An den Bahnhoefen koennen Lebensmittel eingekauft werden und die Mitarbeiter fuellen die Heizkohlevorraete im Zug auf. Die Abteils und der Flur sind wohlig warm beheizt, daran wird nicht gespart. Ich geniese die Zwischenstopps an der frischen Luft daher besonders. Bisher liegen die Temperaturen aber noch im Bereich, wie ich sie aus der Heimat gewohnt bin.

5.Nov.

Heute Nacht haben wir Katharinenburg passiert. Der Schnee steht hier schon hoeher und die alte Lok wackelt hin und her wie ein Pferdeschlitten durch eine Winterlandschaft. Etwas mehr Komfort bietet die Lok zwar schon, aber gelegentlich stellt man hier ganz verstohlen den Strom fuer ein paar Stunden ab. Das stoert mich aber kaum, da ich eh zur Aussenwelt abgeschottet bin. Auf eine Internetverbindung verzichte ich die acht Tage von Warschau nach Peking, das Telefon brauche ich ebensowenig und mein Netbook hat schon in Warschau den Geist aufgegeben. Nur meine Liebsten bekommen eine SMS, damit sie wissen, dass es mir gut geht. Es ist sehr angenehm, einpaar Tage nur mit schlafen, essen, Tee trinken, lesen, schreiben, Musik hoeren, aus dem Fenster schauen und fotografieren zu verbringen. Viel wichtiger als Internet waere im Moment neues Besteck. Ich habe mein Taschenmesser vergessen und meinen einzigen Plastikloeffel von Starbucks gebrochen. Meine Tagesaufgabe lautet daher „Loeffelkauf“. Am Bahnhof Omsk finde ich einen kleinen Kiosk der Allerlei fuehrt. Cafeterien mit frischgebruehtem Kaffee, wie man sie aus Deutschland kennt, findet man hier keine an den Bahnhoefen. Ich zeige der Dame im Laden meinen kaputten Plastikloeffel. Sie ueberlegt kurz und greift hinter sich. Sie haelt mir eine Tube Sekundenkleber entgegen. Ich lache. Sie hat wohl verstanden und zeigt mir neues Besteck. Loeffel und Gabel fuer 35 Rubel ist gekauft.

Spaeter am Abend – wir halten gerade in Novosibirsk – klopft es an meiner Tuer. Drei Maenner, in der Mitte erkenne ich einen der Bahnmitarbeiter. Keiner sagt ein Wort. Der Mitarbeiter deutet auf den Herren links. Er sieht aus wie Assad. Jetzt muss ich Platz machen. Ein 52Jaehriger Doktor und Geschaeftsmann aus Syrien teilt nun mit mir fuer 2 Tage das Abteil. „Where you from?“ fragt er mich. Als ich „Germany“ antworte freut er sich. „I like your Primeminister. She is a very good woman. She has big heart!“ Er scheint mir sehr hoeflich und liebenswert zu sein, aber ich haette lieber jemanden in meinem Alter im Abteil gehabt. „You are my sister, im your brother,“ stellt er gleich klar, um mir eventuelle Bedenken zu nehmen. Er zeigt mir ununterbrochen Videos von seiner Familie, von seinem Business ueber die Hochzeit seiner Nichte in Dubai bis hin zum Hund seiner Schwester. Er versteht mich kaum, wenn ich Englisch spreche, er hingegen redet ununterbrochen. Ich bleibe hoeflicherweise aufmerksam, weil ich glaube, dass er ein gutes Herz hat.

6.Nov.

Am naechsten Morgen laedt mich Sharif, so heisst mein „Roomie“,  zum Fruehstueck ins Bordrestaurant ein. Ich bestelle Spiegeleier mit Schinken und Tomaten, einen Kaeseteller und als Desert Pfannkuchen. Wir reden ueber den Krieg in Syrien. Seine Eltern sind in Damaskus geblieben. Sein Grossvater war ein angesehener Staatsmann. Sharif wohnt jetzt in Moskau, doch bald zieht er in die Ukraine. Wenn der Krieg vorbei ist, moechte er wieder nach Syrien. Er erzaehlt: „Now in Syria people call her children „Merkel“. Ich muss lachen und entgegne: „Warum denn nicht Angela?“ „No, Merkel“, wiederholt Sharif trocken. Ich werde einwenig nachdenklich angesichts der Lage in Syrien.  „Why are you not married?“ fragt mich Sharif ploetzlich kritisch. „When you marry, I come with my wife!" Ich muss lachen. “And you and your family can come and visit me in Syria when the war is over. You can stay one month.” Wir haben gerade gegessen, da fragt mich Sharif ob ich etwas vom Bahnhofskiosk moechte. Ich antworte, dass ich nichts brauche, alles habe. Das hoert er nicht gern. Ich gehe also mit ihm zum Kiosk und er kauft Obst, Brot, Wasser. „Do you want milk?“ fragt er. „No, because we have no fridge“, antworte ich, doch er versteht mich nicht. „Do you want Orbit?“ Kaugummi, meint er. Ich verneine, doch er hat mir schon eine Packung in die Hand gelegt. Er zieht mich am linken Ohr, weil ich nichts haben moechte. „You stay in China, you need some food.“ Ich verkneife mir das Lachen. Ich erklaere ihm, dass ich nur einen Rucksack habe und da kein Platz fuer Essensvorraete ist, aber weil es auf ihn unhoeflich wirkt, dass ich nichts annehme, zeige ich auf das Muesli, den Kaese und die Oliven und er ist halbwegs zufrieden. Ich muss ihm schliesslich noch versprechen, dass ich ihn anrufe wenn ich in China angekommen bin - und in Bali und in Australien.

Sharifs Hygienevorstellungen uebertreffen uebrigens alles. Als mir ein Paeckchen Tempo auf den Teppichboden faellt, nimmt er zwei Desinfektionstuecher in die Hand, um die Packung aufzuheben. Mit seinem Desinfektionstuechern desinfiziert er alles, sogar einen Apfel, den er mitgebracht hat. Wenn ich barfuss auf den Boden in unserem 2er-Abteil steige, warnt er mich vor dem Dreck und empfiehlt mir, meine Schuhe anzuziehen. Ich komme mir vor wie Paulchen - und Sharif ist seine Mama.

8. Nov.

Am Morgen des 8. Nov. passieren wir die Grenze zur Mongolei. Sharif verlaesst den Zug in der Hauptstadt Ulan-Bator und ich mache ein Kreuzzeichen, dass mein naechster Zimmergenosse ewas einfacher in der Handhabung ist. Mick, Backpacker aus England, bezieht mein Abteil. Er ist um die 50, hat eine erwachsene Tochter, aber ist nicht verheiratet. Er reist seit 23 Jahren um die Welt. Die Reisen finanziert er sich durch Saisonarbeit als Strassenarbeiter in England. Er ist lebenslustig und begeistert sich fuer nahezu alles. Einen Monat hat er nun in der Mongolei bei Nomaden gelebt, Adler steigen lassen, rohes Fleisch gegessen, wilde Pferde geritten und ist Woelfen begegnet. Ich habe ein gutes Gefuehl bei ihm, wir sind auf einer Wellenlaenge und haben gute Gespraeche.

Wir geniesen die schoene Landschaft waehrend der Fahrt durch die Mongolei. Der Schnee ist fast verschwunden und die Sonne laesst die Berge gelbgold erscheinen. Da ist hunderte Kilometer nichts, ausser einpaar Kuehe, Pferde, Kamele und die Zelte der Nomaden. Das Land ist wunderschoen. Mein Bild von unendlicher Freiheit wird etwas getruebt als mitten im Nirgendwo ploetzlich eine graesslich silberne  Industrielandschaft herausragt. Hunderte von Zelten fuer die Arbeiter sind dicht aneinander gepfercht. Dieses Bild erinnert mich an den Film Matrix. Es macht mich traurig wie weit wir Menschen unsere Erde strapazieren. Am naechsten Bahnhof steht ein Gueterzug mit Panzern soweit das Auge reicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich schon einmal soviele Panzer gesehen haette. Ich mache ein Bild davon fuer Instagram, mit dem Slogan „Why produce hate for much money, when you can make love for free? Ein schoener Satz.

Am naechsten Bahnhof stehen mongolische Frauen und verkaufen in einem Einkaufswagen Fertigprodukte und selbstgemachte Teigtaschen. Ich hole meine Geldboerse aus dem Abteil um etwas von den hausgemachten Koestlichkeiten zu kaufen. Die Frauen belagern mich bereits an der Zugtuere und halten mir Tueten mit den Teigtaschen unter die Nase. Sie wollen 1.000 Rubel dafuer. Ich rechne in diesem Moment nicht nach, wieviel Euro das sind, doch es ist relativ viel. Ich habe zwei 500-Scheine in der Hand und sage zu ihnen „please share“. Sie verstehen mich nicht und rangeln weiter. Ich nehme zwei Tueten entgegen und die Frauen streiten sich weiter um mein Geld, reissen es sich gegenseitig aus der Hand, anstatt fair zu teilen. Mick und ich schauen uns verdutzt an und ich denke noch am Abend an die seltsame Situation.

In der Nacht passieren wir bereits die Grenze zu China. Der Zug haelt fuer mehrere Stunden zum Raederwechsel und zur Pass- und Visakontrolle. Nach der Kontrolle verlassen Mick und ich den Zug um etwas Frischluft zu schnappen. Am Bahnsteig spielt Musik. Etwa 12 uniformierte Chinesen reihen sich wie ein Empfangskomitee am Bahnsteig auf. Sie marschieren geschlossen in die Eingangshalle und wir folgen ihnen. Einer der Beamten verschliesst hinter uns die Tuer mit dicken Ketten. Der Zug faehrt wenige Kilometer ohne uns weiter fuer einen Raederwechsel. Mick stellt fest, dass er seine Wertsachen im Zug zurueckgelassen hat und will deshalb umkehren, doch eine junge Polizistin erklaert uns, dass das nicht ginge. Wir muessten zwei Stunden im zweiten Stock warten bis unser Zug zurueckkommt, sagt sie. Da unsere Paesse und Visa bereits kontrolliert wurden, gibt es dafuer meines Erachtens keinen Grund. Nach einer Stunde treffen wir im Wartesaal zwei weitere Passagiere unseres Zuges. Es handelt sich dabei um die Bahnbeauftragten der Mongolei und Peking. Sie zeigen uns einen Hinterausgang zu einigen Geschaeften, jedoch fuehrt dieser Weg nicht zum Bahngleis. Wir warten also zwei Stunden bis die chinesischen Beamten uns die Ketten wieder abnehmen.

9. Nov.

Die letzte Etappe unseres Transmongolischen Abenteuers steht bevor. In Nordchina hat es Schnee, gefolgt von einer wunderschoenen gruenen bergigen Landschaft mit Fluessen und Taelern. Umso mehr wir uns Peking naehern, desto duesterer wird es. Peking praesentiert sich in einem grauen Schleyer und ich merke bereits, das es nicht die Chance hat, einer meiner Lieblingsplaetze zu werden. Unsere Fahrt geht zu Ende aber meine Reise noch lange nicht. Mick und ich teilen uns ein Taxi zu unseren Unterkuenften, dann trennen sich unsere Wege. 

 

Fortsetzung folgt... :-)